Montag, 24. Februar 2014

Können die Gütersloher auf dem Eise grasen?

Von Ralf Keuper

Den Bewohnern von Gütersloh eilt der Ruf voraus, noch auf dem Eise grasen zu können; eine Redewendung, die auch Reinhard Mohn gerne gebrauchte. 
Bereits im Mittelalter bezeichnete die Äbtissin aus dem benachbarten Kloster Herzebrock die Gütersloher als "Viri industrii" - betriebssame Männer.

Erst mit dem Bau der Köln-Mindener-Eisenbahn in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann der Aufstieg des Heidedorfes zu einem wichtigen Zentrum der Industrie und des Handels in Ostwestfalen. Einer der vehementesten Fürsprecher der Bahnanbindung Güterslohs war seinerzeit Carl Bertelsmann, Gründer des gleichnamigen Verlages, aus dem später unter dem bereits erwähnten Reinhard Mohn die Bertelsmann AG hervorging. Ein weiteres Weltunternehmen aus Gütersloh ist Miele. 

Der noch immer lesenswerte Beitrag Können die Gütersloher auf dem Eise grasen? aus den Gütersloher Beiträgen zur Heimat- und Landeskunde des Kreises Wiedenbrück aus dem Jahr 1965 beschreibt weitere Facetten dieser mit einem ausgeprägten, zähen Erwerbssinn ausgestatteten Stadt. 



Freitag, 21. Februar 2014

Nationale Stilarten im Fussball - Vortrag von Hans Ulrich Gumbrecht

Von Ralf Keuper

Am vergangenen Montag (17.02) hielt der bekannte Kulturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht auf Einladung der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte in der IHK zu Dortmund einen Vortrag mit dem Titel "Nationale Stilarten im Fussball - Reflexionen zur Ästhetik des Sports am Beispiel Südamerikas". 
Sehr zur Freude des Auditoriums stellte sich Gumbrecht als Anhänger des BVB vor, der das Geschehen vom fernen Kalifornien aus aufmerksam verfolgt, oder anders ausgedrückt: Der auch an der Westküste der USA stets auf Ballhöhe ist ;-)

These seines Vortrags war, dass Fussball aus Sicht der Zuschauer eine ästhetische Erfahrung ist, und nicht, wie Adorno und die Vertreter der Kritischen Theorie meinten, ein Mittel, um sich über den tristen Alltag hinwegzutrösten und in eine Scheinwelt zu flüchten. Fussball hat demnach auch eine intellektuelle Komponente. Seine Gedanken zur Ästhetik des Fussballs erläuterte Gumbrecht u.a. unter Rückgriff auf Immanuel Kant und Niklas Luhmann. Eng mit der Ästhetik verbunden sind Fragen des Stils und hier insbesondere, welche spezielle Merkmale einen Stil kennzeichnen. Kaum anderswo als in Südamerika lassen sich die verschiedenen nationalen Stile im Fussball besonders gut veranschaulichen.

Lange bevor Brasilien die Fussballwelt dominierte, versetzte die Nationalmannschaft Uruguays die Zuschauer und die Fachwelt in Entzücken. Einer der ersten Stars des Fußballs war Isabelino Gradín, der in Uruguay noch heute als Nationalheld verehrt wird. Das Gedicht Dynamische Verse auf Gradín, den Fussballspieler von Juan Parra del Riego muss jedes Schulkind in Uruguay lernen.  
Während der Fussball in Uruguay offensiv ausgerichtet war, bevorzugten die Nachbarn in Argentinien die defensive Variante. Wenngleich nationale Ereignisse und der Fussball häufig miteinander korrespondieren, ist es mitunter reine Spekulation, eine kausale Beziehung herzustellen. Gleiches gilt für den Einfluss kultureller Strömungen. Am ehesten träfe die Kultur-These noch auf Brasilien zu.  

Der brasilianische Soziologe Gilberto Freyre jedenfalls war 1938 davon überzeugt, dass der brasilianische Fußball-Stil Ausdruck der Kultur, Ethnologie des Landes war:
Unser Stil, Fussball zu spielen, unterscheidet sich, glaube ich, vom europäischen Stil durch mehrere typische Eigenschaften der Mulatten wie wir sie jetzt auch in der Politik sehen: durch die Fähigkeit zur Überraschung, die Eleganz, den Spielwitz, die Leichtigkeit und zugleich ihre individuelle Spontanität. (Quelle: Handout)
Ganz anders als in Uruguay, Argentinien und Brasilien verlief die Entwicklung in Chile. An sich kein kleines und auch kein armes Land, hatte sich in Chile eine gewisse "Underdog-Mentalität" verfestigt, die auch auf den Fussball ausstrahlte. Auch blieb hier die Professionalisierung im Sport weitgehend aus. Tonangebend waren und sind verschiedene Universitätsmannschaften. Überhaupt hat der Gedanke der Gleichheit auch im Fussball Vorrang, weshalb sich in Chile bis heute auch keine Stars entwickeln konnten. 
Stars und Protagonisten sind aber für den Stil eines Landes unabdingbar. Ohne herausragende Identifikationsfiguren verbleibt der Fussball auf einem relativ niedrigen Niveau. 
Vom Fussball nicht zu trennen sind soziale, schichtspezifische Faktoren. Viele Vereine Südamerikas repräsentierten das Gesellschaftsgefüge des Landes. So gab es Clubs der Oberschicht wie auch der "Normalen" Leute. 

Der Aufstieg der Fussballnation Brasilien begann erst mit dem Einsatz afro-brasilianischer Spieler.   
Als einer, wenn nicht - der, Höhepunkt des brasilianischen Fussballs gilt das Spiel gegen Italien während der WM von 1970. Der Spielzug, der zum 4:1 Endstand für Brasilien führte, gilt als einer der schönsten der Fussballgeschichte - zu Recht, worüber man sich selbst auf Youtube ab Minute 6 überzeugen kann: Sichere Ballführung und Ballannahme, Exzellente Übersicht und perfekter Abschluss. 
Spätestens seit 2002 ist die brasilianische Mannschaft auf der Suche nach einem neuen Stil. 

In Deutschland verfolgt die Nationalmannschaft seit einigen Jahren einen ungewohnt offensiven Ansatz. In Italien ist man dagegen der defensiven Spielweise treu geblieben. 
Als in Teilen bis heute noch prägende Stile im professionellen Fussball bezeichnet Gumbrecht das von Helenio Herrera bei Inter Mailand eingeführte Spielsystem des "Riegels" (Catenaccio), dessen Ursprünge in der Schweiz liegen, und den auf Rinus Michels zurückgehenden betont offensiven Total Football-Ansatz

Als seit Jahrzehnte typisch offensiv ausgerichtete Mannschaft bezeichnete Gumbrecht den BVB. 

Mit Blick auf die Zukunft stellt sich die Frage, ob wir eine Globalisierung, d.h. Angleichung der Fußball-Stile erleben werden, oder es künftig verschieden Stile geben wird, die auf ihre Weise zum Erfolg führen. 
Überhaupt wird dem Erfolg ein zu großer Wert beigemessen. Aus Sicht der Ästhetik sind schöne Spielzüge wichtiger als Tore, was sich natürlich nicht ausschließen muss, wie nicht nur das Beispiel Brasiliens während der WM 1970 zeigt, sondern auch das Halbfinal-Spiel Deutschland gegen Italien, ebenfalls während der WM 1970, das trotz der Niederlage Deutschlands, als "Jahrhundertspiel" gilt. 

Ebenfalls von Interesse ist die Frage, welchen Einfluss die Trainer auf die Stilentwicklung im Fussball (noch) haben werden.  

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Philosophie des leeren Stadions

Donnerstag, 20. Februar 2014

Sport in Westfalen

Von Ralf Keuper

Keine andere Sportart, mit Ausnahme des Dauerbrenners Fussball, ist wohl so eng mit Westfalen verbunden wie der Reitsport. Sinnbild hierfür ist das Traumduo Hans-Günter Winkler und Halla aus Warendorf. So ist Hans Günter Winkler (HGW) der erfolgreichste Springreiter aller Zeiten. Der verstorbene Reiner Klimke aus Münster ist bis heute "der siegreichtse Dressurreiter der Welt" (Wikipedia). Jedes Jahr im Herbst zieht es zahlreiche Anhänger der Sportart nach Warendorf zu den Hengstparaden.

Der Fussball kann vor allem im Ruhrgebiet auf eine ebenso lange wie erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Einer der Höhepunkte war sicherlich der Gewinn der Meisterschaft und des DFB-Pokals, des Doubles, durch Borussia Dortmund im Jahr 2012. Der härteste Widersacher des BVB in Westfalen, Schalke 04, wartet dagegen bereits seit über fünfzig Jahren darauf, dass die Schale zurückkehrt. 
Kaum ein Name ist so eng mit den Erfolgen von Schalke 04 verbunden wie der von Ernst Kuzorra, dem Erfinder des "Schalker Kreisels" , der sechsmal mit Schalke Deutscher Meister wurde. Lange Zeit stand daher der BVB im Schatten des Rivalen. Weitere bekannte Spieler von Schalke 04 sind der legendäre "Stan" Libuda, Rüdiger Abramczik, Klaus Fischer und Olaf Thon. Für den BVB Geschichte geschrieben haben Lothar "Emma" Emmerich und Torwartlegende Hans Tilkowski. Die aktuelle Generation "Dortmunder Jungs" um Kevin Großkreutz und Marco Reus bereitet nicht nur ihrem Trainer viel Freude. "Kalle" Rummenigge, suchte und fand sein Glück beim FC Bayern München. Seit 2002 ist er Vorstandsvorsitzender der FC Bayern München AG. Aus Dortmund stammt Trainerlegende Dettmar Cramer, von Franz Beckenbauer "Fussball-Professor" genannt. Bernard Dietz war Nationalspieler und verlässliche Größe beim MSV Duisburg und Schalke 04. Hermann Gerland, ehemaliger Spieler beim VFL Bochum, ist heute Co-Trainer des FC Bayern München.

Als "FC Bayern München des Frauenfussballs" wird der TSV Siegen bezeichnet.

Neben dem Fussball ist die Region im Handball mit einigen erfolgreichen Vereinen vertreten - allen voran der zweifache Deutsche Meister, der TBV Lemgo. Besonders im Raum Minden sind viele bekannte Vereine angesiedelt, wie der Bundesligist GWD Minden.

Westfalens Basketball ist mit Phoenix Hagen in der 1. Bundesliga vertreten. Nur für kurze Zeit währte dort dagegen der Aufenthalt der Paderborn Baskets. Hagen ist Sitz des Deutschen Basketball Bundes

Die Damen des Bundesligisten USC Münster haben von 1965 bis 1972 ununterbrochen die Deutschen Meisterschaften im Volleyball gewonnen. Die letzten Meisterschaften stammen aus den Jahren 2004 und 2005.

Von Rekord zu Rekord eilt der DBC Bochum, der das Poolbillard in Deutschland beherrscht. Eine ähnliche Dominanz hat der SV Blau-Weiß Bochum im Wasserball.

Im Eishockey ist Westfalen u.a. mit den Iserlohn Roosters und den Eisadlern aus Dortmund vertreten.

Westfalens Squash- und Baseball-Hochburg ist Paderborn mit dem Paderborner Squash-Club, der bereits mehrere Deutsche Meisterschaften gewinnen konnte, und den Untouchables, einem der erfolgreichsten Baseball-Vereine Deutschlands. 

In Warendorf residiert die Sportschule der Bundeswehr. Dortmund kann mit dem Olympiastützpunkt Westfalen aufwarten. Eine gute Adresse ist auch die Sportschule Kaiserau.

Für den Wintersport in Westfalen ist das Sauerland mit Winterberg zuständig.  Mit der Wintersport-Arena, der St.-Georg-Schanze und der Bobbahn gehört Winterberg zu den führenden Wintersport-Orten Deutschlands. 

Zu den erfolgreichsten Leichtathletik-Vereinen Deutschlands zählt der TV Wattenscheid 01.

In Dortmund residiert und trainiert der außerordentlich erfolgreiche Deutschland-Achter.

Und nicht zu vergessen: Der Schachsport


Mittwoch, 19. Februar 2014

"Die Hanse und Westfalen. Ein Aufbruch nach Europa" von Bernhard Gurk

Von Ralf Keuper

Westfalen und die Hanse sind eng miteinander verbunden. Zahlreiche Kaufleute der Hanse stammten aus Westfalen. Der Aufstieg Lübecks zum eigentlichen Haupt der Hanse geht zu weiten Teilen auf Westfalen zurück, die als Kaufleute und Bürgermeister das Geschick der Stadt mit gestaltet haben. Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass ein Buch wie Die Hanse und Westfalen sich dieser Beziehung annimmt. 
Das Buch berichtet von den Gotlandfahrern, vom Stalhof in London und den verschiedenen Kontoren der Hanse im Baltikum
Gewürdigt werden selbstverständlich auch die bedeutendsten westfälischen Hansestädte Soest, Dortmund, Münster, Osnabrück und Herford. 
Die Anfänge der westfälischen Handelsverbindungen reichen jedoch bis weit in die Zeit vor der Hanse:
Belegt ist, dass die Westfalen schon in vorhansischer Zeit über Bremen mit den skandinavischen Ländern und über Gotland in Russland Handel getrieben haben. Zur gleichen Zeit standen sie in einem regen Warenaustausch mit dem Rhein und den Niederlanden. Über den Hellweg strebten sie in Sachsen nach Braunschweig und Magdeburg. All diese Beziehungen, insbesondere zu den Niederlanden und nach Flandern hin, wurden in der Hansezeit noch ausgebaut. ... Es ist überliefert, dass schon in früher Zeit Kaufleute aus ganz kleinen Städten weit über Westfalen hinaus Handel getrieben haben und dabei in den Kontoren .. den Fernhändlern der übrigen Hansestädte gleichgestellt waren. ... 
Westfalen hatte aufgrund seiner geografischen Lage und des ausgeprägten Erwerbssinns seiner Bewohner eine Schlüsselstellung in der Hanse:
So wie die Hanse in Europa in mehrfacher Hinsicht eine Mittlerrolle einnahm, war auch Westfalen im innerhansischen Bereich eine wichtige Brückenlandschaft: Brücke zwischen den Rheinlanden und dem Ostseeraum, über den Hellweg nach Sachsen, aber ebenso Brücke zu den Nordseeküstenländern, den Niederlanden und Ostfriesland.  ... Als Binnenland aber war Westfalen auch eine wichtige Produktionsbasis für Handelswaren, dabei waren Woll- und Leinwanderzeugnisse zunächst bis zum 15. Jahrhundert die bei weitem wichtigsten Produkte der Westfalen. Das Saatgut für Leinen und Flachs brachten die Kaufleute aus Ostpreußen. Die Ordensritter wiederum ließen sich - ganz besonders von den Ostwestfalen - mit Tuchen, Leinwand und Leingarn beliefern. 
Das und noch vieles mehr macht die Lektüre -  nicht nur für Westfalen, sondern für alle an der Wirtschaftsgeschichte Europas interessierte Personen - lohnend. 

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Montag, 10. Februar 2014

"Pumpernickel. Das schwarze Brot der Westfalen" von Carin Gentner

Von Ralf Keuper

Die Entstehungsgeschichte des Pumpernickel gibt noch immer Anlass zu Spekulationen und zur Legendenbildung. Etliche Heimat- und Sprachforscher haben sich über die Jahrhunderte bemüht, das Geheimnis zu lüften - mit begrenztem Erfolg.
Besonderer Beliebtheit erfreute sich die Anekdote, wonach die Bezeichnung Pumpernickel auf einen französischen Soldaten aus Napoleons Armee zurückgeht, der auf seinem Ritt durch Westfalen nach Brot gefragt haben soll und daraufhin Schwarzbrot gereicht bekam. Schon bei dessen Anblick soll er gesagt haben, das Brot sei gerade gut genug pour Nickel - womit er sein Pferd meinte. 

Demgegenüber wählt Carin Gentner in ihrem Buch Pumpernickel. Das schwarze Brot der Westfalen einen weitaus fundierteren Ansatz, wobei sie den Begriffs- und Bedeutungswandel des Pumpernickel während der Jahrhunderte beleuchtet. Wie schon Heinrich Eduard Jacob in seinem Klassiker 6000 Jahre Brot die kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Grundnahrungsmittels hervorhob, so ist auch Genter bemüht, den Pumpernickel in seiner Verbindung mit der kulturellen und geschichtlichen Entwicklung Westfalens darzustellen. 

Häufig war das westfälische Schwarzbrot Gegenstand von Spottreden, in denen die vermeintliche Rückständigkeit Westfalens zitiert wurde, wie von Voltaire. Vor diesem Hintergrund ist es wissenswert, dass der Pumpernickel außerhalb Westfalens einige Fürsprecher fand, wie den Schwaben Karl Julius Weber, der als Entgegnung auf Voltaires Behauptung, das westfälische Schwarzbrot sei wie Stein, in seinen Briefen eines in Deutschland reisenden Deutschen notierte:
.. aber dieser Stein kommt in Westphalen selbst auf die Tafeln der Großen und Reichen zum Nachtische mit Butter und Schinkenschnitten und hat mir gemundet. 
Damit dürfte das Kapitel wohl noch nicht abgeschlossen sein ..

In Soest existiert noch heute mit der Bäckerei Haverland die älteste noch bestehende Pumpernickelbäckerei der Welt. 

Lesenswert in dem Zusammenhang ist der Beitrag Pumpernickel, ein Brot für Liebhaber von Petra Foede

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Samstag, 8. Februar 2014

Der sächsische Landtag zu Marklo - das erste Parlament der Geschichte?

Von Ralf Keuper

Seine wahre Bedeutung als Versammlungsort der alten Sachsen ist nach wie vor umstritten - gemeint ist Marklo
Als erster und bisher auch einziger Autor erwähnte der Heilige Lebuin den Ort in seinen Lebensbeschreibungen. Einige Historiker halten die Vita Lebuin gar für unglaubwürdig und erdichtet. Das wiederum ist bei einer Zunft, aus deren Reihen einige Vertreter gar die Existenz Karls des Großen bezweifeln, nicht wirklich überraschend und damit auch kein letztgültiger Beweis. Jedoch sind Zweifel an der Überlieferung der eigentlichen Funktion von Marklo gewiss nicht völlig unberechtigt. 

Der Historiker Hermann Rothert ging in seiner Westfälischen Geschichte so weit zu behaupten, bei Marklo handele es sich womöglich um das erste Parlament der Geschichte. Er schreibt:
Die stärkste Klammer des Sachsenreiches war der alljährlich zu Marklo, vielleicht Lohe an der Weser, Nienburg gegenüber, stattfindende Landtag; wir sind über ihn durch die Lebensbeschreibung des angelsächsischen Missionars Lebuin unterrichtet. Jeder der zahlreichen Sachsengaue - es sollen an die hundert gewesen sein - erkor aus seiner Mitte 12 Edelinge, 12 Freie und 12 Liten und entsandte sie mit dem Gaufürsten nach Marklo. Offensichtlich nahm der Landtag die Stelle der altgermanischen, auf enge Nachbarschaft zugeschnittenen Landesgemeinde ein; .. Eine einzigartige Erscheinung: in den übrigen germanischen Reichen verkümmerte mit der zunehmenden Bedeutung des Königtums allmählich die Landesversammlung; in Sachsen vermochte sie dank dem Übergang zum Repräsentativsystem sich als Träger der höchsten Gewalt zu behaupten. Nicht mit Unrecht hat man den sächsischen Landtag zu Marklo das erste Parlament der Geschichte genannt. ... Im Jahre 782 fand mit dem Verbote des Frankenkönigs, in Sachsen Versammlungen abzuhalten, der Landtag zu Marklo sein Ende.
Mag sein, dass der sächsische Landtag in seiner Bedeutung überbewertet wird - gleichwohl bleibt der entscheidende logische Widerspruch in der Argumentation derer, die ihn ohnehin für eine Fiktion halten, dass Karl der Große sich zu einem Versammlungsverbot genötigt sah. Das muss schon mehr als nur eine Versammlung unter freiem Himmel mit keinerlei politischer Funktion gewesen sein. 

Die Bezeichnung "erstes Parlament der Geschichte" halte ich dagegen für weit überzogen. 





Freitag, 7. Februar 2014

Clemens von Ketteler und der Boxeraufstand in Peking im Jahr 1900

Von Ralf Keuper

Der Diplomat Clemens von Kettler erlangte während des sog. Boxeraufstands weltweite Berühmtheit. Auf seinem Weg in das chinesische Außenministerium wurde von Ketteler unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen erschossen. Seine Ermordung war Auslöser einer Strafexpedition, durchgeführt von Truppen, die sich aus Soldaten der Großmächte Frankreich, Großbritannien und Deutschland zusammensetzten. Im Verlauf der Aktion wurde auch die Heilige Stadt besetzt. 

Die Chinesen mussten noch über Jahre Reparationszahlungen leisten. Bis heute ist das Ereignis fest im kollektiven Bewusstsein der Chinesen verankert, während es im Westen weitgehend in Vergessenheit geriet. Einen guten Einblick in die näheren Umstände des Boxeraufstands und in die Rolle von Clemens von Ketteler liefert der Dokumentationsfilm Aufstand der Boxer.  

Westfälische Geologen und Paläontologen

Von Ralf Keuper

Während die Geologie sich mit der Entwicklungsgeschichte der Erde beschäftigt, hat die Paläontologie die Erforschung vorzeitlicher Lebewesen, wie sie in Fossilien zu Tage treten, zum Ziel. Als wissenschaftliche Disziplinen liegen Geologie und Paläontologie fachlich dicht beieinander bzw. überschneiden sich. 
Aufgrund seiner Lage bietet Westfalen Geologen und Paläontologen reichlich Forschungsmaterial. 

Der bekannteste und wirkungsmächtigste Paläontologe Westfalens ist wohl Georg Graf zu Münster. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Bayreuth, wo seiner auch heute noch gedacht wird
Der von Alexander von Humboldt als "Vater der Geologie" betitelte Nicolaus Steno hat einige Jahre als Weihbischof in Münster fungiert. Stephen Jay Gould schrieb über Steno:
Steno hat die Welt in der einfachsten, jedoch grundlegendsten Weise verändert. Er hat ihre Gegenstände anders klassifiziert (in: Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt). 
Große Verdienste um die mineralogische und geologische Mikroskopie erwarb sich Hermann Vogelsang. Ein weiterer renommierter Geologe war Max Blanckenhorn.

Günter Saßmannshausen war nicht "nur" Geologe, sondern über Jahrzehnte als Chef der Preussag AG auch einer der einflussreichsten Manager Deutschlands. 

Bekannte westfälische Geologen der Gegenwart sind Olaf Otto Dillmann und Josef Daldrup

Neben den hauptberuflichen Geologen sind auch die sog. Laien in Westfalen sehr umtriebig. Als Beispiele seien hier Karl Stekiel, der 2011 einen neuen Raubsaurier entdeckte, und Sönke Simonsen, der eine 185 Millionen Jahre alte Paddelechse entdeckte, genannt. 

Unter den wissenschaftlichen Institutionen Westfalens, die sich mit der Geologie und Paläontologie beschäftigen, nimmt das Geomuseum Münster einen besonderen Rang ein. Führende geologische Institute in Westfalen sind das Institut für Geologie, Mineralogie und Geophysik der Ruhr Uni Bochum und das Institut für Geologie und Paläontologie der WWU Münster. Für das Geoingenieurwesen ist die Technische Fachhochschule Georg Agricola in Bochum eine erste Adresse. 

In Bochum winkt als Attraktion auch der Geologische Garten. Das Museum für Naturkunde in Dortmund verfügt u.a. über eine Paläontologische,  eine Mineralogische und eine Geologische Sammlung. Ein Museum, das sich ganz der Geologie, Paläontologie und Mineralogie verschrieben hat, ist das Museum Zurholt in Altenberge

Über eine der größten geologischen Sammlungen Deutschlands verfügt das neue Museum für Ur- und Ortsgeschichte Bottrop

Mittwoch, 5. Februar 2014

Hethis - die erste Klostergründung im alten Sachsen

Von Ralf Keuper

Obwohl die Vermutung nahe liegt, ist das Kloster Corvey nicht das erste im alten Sachsen. Sein Vorläufer war das Kloster Hethis, über dessen genaue Lage bis heute Uneinigkeit herrscht. Als mögliche Orte genannt werden die Externsteine und der Ort Neuhaus bei Holzminden. 

Gesichert ist, dass Hethis nur wenige Jahre Bestand hatte. Gegründet wurde es auf Betreiben des Karolinger Adalhard, zu dem Zeitpunkt Abt des Klosters Corbie, das Mutterhaus des späteren Klosters Corvey.


Erster Abt des neuen Klosters Corvey war Adalhard. Ihm folgte Wala. 

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Sonntag, 2. Februar 2014

Gelehrtenfamilie Schücking

Von Ralf Keuper

Die ursprünglich aus Coesfeld stammenden Schückings kann man mit gutem Recht die bekannteste Gelehrtenfamilie Westfalens nennen. Nicht von ungefähr widmete sich Ulf Morgenstern daher in Bürgergeist und Familientradition. Die liberale Gelehrtenfamilie Schücking im 19. und 20. Jahrhundert ihren herausragenden Vertretern, wozu u.a. der Richter und Philosoph Paulus Modestus Schücking,  der Dichter Levin Schücking, der Völkerrechtler Walther Schücking und der Shakespeareforscher Levin Ludwig Schücking zählen. 

Annette Schücking-Homeyer ist als Richterin und Frauenrechtlerin bereits eine Legende. Für Aufsehen sorgte sie vor wenigen Jahren mit einem Spiegel-Interview. Ein Filmbeitrag auf Phoenix berichtete von ihrem bewegten Leben. 
Ihr Bruder Engelbert Schücking ist ein bekannter Astrophysiker. 

Ein Spross der weit verzweigten Familie ist auch die derzeitige Rektorin der Universität Leipzig Beate Schücking. Mit dem Beschluss wie überhaupt mit dem Vorgehen, das Institut für Theaterwissenschaften zu schließen, löste das Rektorat einen Sturm der Entrüstung aus.