Samstag, 31. Mai 2014

Startup-Verzeichnis NRW - Gesonderter Blick auf Westfalen

Von Ralf Keuper

Seit einigen Tagen steht das Startup-Verzeichnis NRW online zur Verfügung. Es enthält eine Aufstellung der Startups in Nordrhein-Westfalen, aufgeteilt in die Regionen Aachen, Bergisches Städtedreieck, Münsterland, Niederrhein, Ostwestfalen-Lippe, Rheinschiene, Ruhrgebiet und Südwestfalen. 
Der Bericht kommt auf insgesamt 412 Startups. Die meisten stammen aus dem rheinischen Landesteil. Alleine Köln verfügt über deutlich mehr Startups als ganz Westfalen. 

Das überrascht nicht weiterhin, da Köln, und mit Abstrichen auch Düsseldorf, zu den attraktivsten Standorten für Startups in Deutschland zählen; allerdings deutlich hinter Berlin. Startups, vor allem aus dem Bereich IT, siedeln sich bevorzugt in urbanen Zentren, wie Köln, an. Das Rheinland hat hier gegenüber Westfalen einen klaren Standortvorteil. In Städten wie Köln haben sich in den letzten Jahren Startup-Ökosysteme gebildet, die eine hohe Anziehungskraft auf junge Unternehmer, Investoren und Talente/Mitarbeiter ausüben, wie u.a. die Studie Die FinTech Startup-Ökosysteme in Deutschland zeigt.
Westfalen mit seiner vergleichsweise starken industriellen Basis bietet hier zunächst nur wenig Anknüpfungspunkte. 
Es kommt nicht von ungefähr, dass sich Internet-Startups meistens an Orten niederlassen, wo die sog. Information Centric Industries wie Medien, Werbung, Beratung, Banken, Versicherungen und IT-Unternehmen überdurchschnittlich stark vertreten sind. In Westfalen erfüllt bei Licht gesehen keine Stadt diese Anforderungen.

Das ist allerdings kein Grund zur Resignation, wie nicht nur das Beispiel it's OWL zeigt. Die Stärke der westfälischen Industrie liegt derzeit ganz klar im Bereich Produktionstechnologie bzw. im Maschinenbau. Die Industrie 4.0 könnte hier für weiteren Auftrieb sorgen. 
Bedeutende IT-Standorte in Westfalen sind Dortmund, Paderborn und mit Abstrichen, Münster und Bielefeld. In Dortmund machen seit einiger Zeit einige Startups wie RapidMinder auf sich aufmerksam. Paderborn ist prädestiniert für Startups aus dem Bereich der Industrial IT bzw. Embedded Systems. Ein bekanntes und ausgesprochen erfolgreiches "Startup" ist dSpace. Münster und das Münsterland (hier setze ich mich bewusst über die aktuelle Datenlage hinweg) bietet sich für Startups aus dem Umfeld Geoinformatik, Bionik und Biotechnologie/Pharma an. Die größten Impulse könnten in den nächsten Jahren aus Bielefeld kommen, genannt sei nur die Robotik. 

Bei allen Vorzügen, die urbane Zentren gegenüber eher ländlichen Regionen genießen - eine Voraussetzung, eine conditio sine qua non, für "nachhaltigen" Erfolg sind sie nicht, wie das Beispiel Boulder (Colorado) zeigt. Brad Feld vertritt in in seinem Buch Startup Communities die These, dass für den Erfolg einer Startup-Community die handelnden Personen, Leader entscheidend sind. Im Vergleich dazu sind Universitäten, Investoren und Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung von nachgeordneter Bedeutung. 

Donnerstag, 29. Mai 2014

Heinrich Backhaus: Ein Priester aus Westfalen in Australien

Von Ralf Keuper

Die Lebensgeschichte von Heinrich Backhaus, 1812 in Paderborn geboren und 1882 in Australien gestorben, hat John Hussey in dem Buch Unter Goldsuchern festgehalten. Backhaus war über dreißig Jahre als katholischer Priester missionarisch in Australien tätig. Davor wirkte er zehn Jahre in gleicher Funktion in Bengalen. Überhaupt war Backhaus ein für seine Zeit außerordentlich weit gereister Mann. Sein Weg führte ihn nicht nur nach Rom, Kalkutta, Singapur, Perth, Melbourne und Sydney, sondern auch nach Irland und Malta. Daneben besuchte er auch seine alte Heimat, sprich Paderborn. 

Sein Engagement und ausgeprägter Geschäftssinn kommen dem australischen Bistum Sandhurst bis heute zu Gute. Backhaus war auch Generalvikar des Bistums. 

Im Klappentext heisst es u.a.:
Backhaus starb als wohlhabender Mann. Er lebte selbst jedoch sehr bescheiden und anspruchslos. Bemerkenswert war neben seiner fruchtbaren Seelsorge sein Engagement für das öffentliche Leben und sein Geschick, sein Geld und Vermögen zugunsten der Armen und zum Wohl der Kirche klug einzusetzen, so dass bis heute seine Pfarrei und Diözese Sandhurst aus den Erträgen seiner Stiftung Unterstützung erfahren. 
Bis heute wird die Erinnerung an Backhaus in Sandhurst wach gehalten. In seiner Geburtsstadt Paderborn dagegen findet man keine Hinweise. Ohne das Buch wäre Backhaus hierzulande wohl völlig in Vergessenheit geraten. Seine Lebensgeschichte ist die eines echten Pioniers, wie sie heute in dieser Form wohl nicht mehr möglich ist. Überhaupt war er recht eigenwillig, worunter seine Beliebtheit zuweilen litt. 

Noch einmal aus dem Klappentext:
Dieses Buch ist das Lebensbild dieses westfälischen Priesters, der in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Missionar nach Australien ging und über 30 Jahre lang unter Goldsuchern am Bendigo-Fluss auf weiten Gebieten ausgesprochene Pionierarbeit leistete und dort bis heute unvergessen ist.  

Samstag, 24. Mai 2014

Leisure: The Basis of Culture by Josef Pieper

Von Ralf Keuper

Josef Pieper hat mit Muße und Kult 1947 ein Buch geschrieben, dessen Aussagen heute aktueller denn je sind. In einem Radiobeitrag geht es um die Interpretation der Freizeit in unserer Gesellschaft. Für Pieper hatte Freizeit eine andere Bedeutung als heute üblich ist. Für ihn ging es in der Freizeit nicht darum, Zeit mit Unterhaltung und Ablenkung totzuschlagen, sondern wirklich kreativ zu sein. Heute, da wir scheinbar Zeit im Überfluss haben, ein Problem, das in dem Radiointerview diskutiert wird. 

Für Pieper galt der Satz: Arbeiten, um Muße zu haben. Oder in seinen Worten:
Gegen die Ausschließlichkeit des Richtbildes der Arbeit als Aktivität .. steht die Muße als die Haltung der Nicht-Aktitviät, der inneren Ungeschäftigkeit, der Ruhe, des Geschehen-Lassens, des Schweigens. (in: Muße und Kult)

Freitag, 23. Mai 2014

Fünf Franziskanerinnen aus Salzkotten und der Schiffbruch der „Deutschland“

Von Ralf Keuper

Der Untergang des Dampfseglers Deutschland vor der Küste Großbritanniens im Jahr 1875 machte fünf Ordensschwestern  der Franziskanerinnen von Salzkotten berühmt. Als Folge des sog. Kulturkampfes waren die Schwestern von ihrer Ordensgründerin in die USA gesandt worden, um dort unter günstigeren Bedingungen ihre missionarische Arbeit fortsetzen zu können.

Nach menschlichen Maßstäben unsterblich wurden die Schwestern dadurch, dass sie angesichts des Untergangs und des sicheren Todes, anderen Reisenden nicht nur den Vortritt bei der Rettung ließen, sondern den Verbliebenen bis zum Schluss Trost spendeten

Gerad Manley Hopkins veranlasste das Schicksal der Schwestern und der Reisenden zur Niederschrift seines Gedichts The Wreck of the Deutschland, das ihm als Schriftsteller zum Durchbruch verhalf. 

Samstag, 17. Mai 2014

Startup-Wegweiser NRW - Gesonderter Blick auf Westfalen

Von Ralf Keuper

Vor einigen Tagen wurde der Startup-Wegweiser NRW veröffentlicht, der eine Übersicht der wachsenden Startup-Ökosysteme zwischen Rhein und Weserbergland liefert. 
Die verschiedenen Startup-Regionen (Aachen, Bergisches Städtedreieck, Münsterland, Niederrhein, Ostwestfalen-Lippe, Rheinschiene, Ruhrgebiet und Südwestfalen) werden darin mit ihrer Infrastruktur vorgestellt (Coworking Spaces, Hochschulen, Inkubatoren, IHKs, und Startercentern).

Alles in allem eine gelungene Übersicht, die angehenden Gründern eine wichtige Orientierungshilfe gibt. 

Startups sind, wie u.a Christoph Giesa und Lena Schiller-Clausen in ihrem Buch New Business Order schreiben, derzeit dabei, das Gesicht von Wirtschaft und Gesellschaft zu verwandeln. 
In Deutschland haben sich bereits einige lebhafte Startup-Ökosysteme gebildet, allen voran Berlin. Aber auch in Hamburg, Köln/Düsseldorf, Frankfurt und München hat sich ein dynamisches Startup-Ökosystem gebildet. 

Seit dieser Woche liegt auch eine Studie über die FinTech-Startup Ökosysteme in Deutschland vor. 

In Nordrhein-Westfalen ist die Startup-Szene, mit Ausnahme von Köln/Düsseldorf, noch in den Anfängen. Vor allem in Westfalen sind bisher kaum Startup-Ökosysteme entstanden, die eine Eigendynamik entwickelt haben, die Gründer, Talente und Investoren anziehen. 
Jedoch sind erste Ansätze zu erkennen, wie in Dortmund mit der tu startup lounge und der Initiative start2grow oder in Bochum mit der merkur-startup Gründerberatung Bochum
Inzwischen gibt es für Startups im Ruhrgebiet mit Ruhrpott Start-ups ein eigenes Online-Magazin. 

Erste Erfolge sind zu verzeichnen, wie mit der Analyse Asia UG und dem Big Data - Startup Bitbuckler an der RUB oder eve aus Dortmund. Mittlerweile hat das Startup-Ökosystem in Dortmund mit dem Verkauf von svh24 an die Würth-Gruppe seinen ersten größeren Exit zu verzeichnen. Das wohl bekannteste und international erfolgreichste Startup aus Dortmund ist RapidMiner

In der Wirtschaftspresse herrscht dagegen noch Skepsis, was die Erfolgschancen junger IT-Startups im Ruhrgebiet betrifft

In Ostwestfalen-Lippe wurde der Gründerwettbewerb startklar ins Leben gerufen. Daneben bietet der Gründerfonds Bielefeld-Ostwestfalen Unterstützung bei der Finanzierung an. 

Dass Startups für ihr Gedeihen nicht zwangsläufig auf das Flair internationaler Metropolen wie Berlin angewiesen ist, zeigt das Beispiel von Boulder in Colorado, wie der Autor Brad Feld es in seinem Buch Startup Community beschreibt. Auch die Lage an der Peripherie bzw. in der Provinz muss nicht von Nachteil sein, wie die zahlreichen IT-Startups in Skandinavien zeigen. 

Da der Anteil der Industrie bzw. des verarbeitenden Gewerbes in Westfalen deutlich höher ist als im Rheinland, ist die Wahrscheinlichkeit für die Ansiedlung von IT-Startups im Rheinland derzeit größer. In Westfalen werden, so meine Einschätzung, die meisten Startups im Umfeld der Industrial-IT entstehen. 

Weitere Informationen:

Venture Capital für IKT-Startups in Nordrhein-Westfalen (NRW) - Zahlen, Fakten, Bedeutung


Samstag, 10. Mai 2014

Die Geschichte der Bielefelder Leinenindustrie

Von Ralf Keuper

Die Industrialisierung in Westfalen lässt sich neben dem Bergbau auch am Beispiel der Textilindustrie gut veranschaulichen. Ein Schwerpunkt der gewerblichen Textilherstellung im 19. Jahrhundert in Westfalen wie überhaupt in Deutschland war Bielefeld. 
Dort und im umliegenden Ravensberger Land hatten sich die Bewohner schon früh auf die Flachsverarbeitung spezialisiert, die lange Zeit fast ausnahmslos in bäuerlicher Hausarbeit erfolgte. Karl Kisker berichtet in seinem Beitrag Die Bielefelder Leinenindustrie aus dem Jahr 1926 davon, dass die aus der Verarbeitung von Flachs gewonnenen Garne schon im 16. Jahrhundert bei niederländischen Kaufleuten auf rege Nachfrage stießen. 

Bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein produzierten die ravensbergischen Spinnereien in beachtlichem Umfang für den Export. In den Jahren 1787/88 war der Westfälische Kreis, zu dem auch das Ravensberger Land mit Bielefeld gehörte, der drittgrößte Exporteur von Leinen in Deutschland. Eine wichtige Funktion in der Leinenherstellung hatten die Bleichanlagen. Lange Zeit hatte Bielefeld keine eigene Anlage. Das Leinen wurde zum Bleichen u.a. nach Warendorf transportiert. Im Jahr 1719 entschlossen sich mehrere Bielefelder Kaufleute, diesen Mangel zu beheben, indem sie mit dem Freiherrn von der Horst einen Vertrag zum Bau einer Bleiche auf dessen Gut Milse abschlossen. Der entscheidende Schritt erfolgte jedoch erst im Jahr 1768 mit der Gründung einer der ersten Aktiengesellschaften Westfalens, mit dem Zweck, eine Bleicherei nach holländischem Verfahren zu betreiben. 
Große Bedeutung für den Durchbruch der Leinenherstellung in Westfalen hatte die Errichtung einer Anstalt, die für die Qualitätskontrolle des Leinens zuständig war - die Legge

Das vorwiegend handwerklich organisierte Leinengewerbe in und um Bielefeld geriet gegen Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch in eine tiefe Krise. Im Mutterland der Industrialisierung, in England, aber auch in Irland, entstanden um diese Zeit die ersten mechanischen Spinnereien, die eine industrielle Herstellung des Garns ermöglichten. Der Export der Bielefelder Leinenkaufleute kam dadurch fast vollständig zum Erliegen. In Bielefeld reagierte man auf diese Entwicklung mit der Gründung einer eigenen mechanischen Spinnerei im Jahr 1850. Einige Kaufleute um die Brüder Carl und Theodor Bozi hoben die mechanische Spinnerei "Vorwärts", die als Aktiengesellschaft firmierte, aus der Taufe. Nur einige Jahre später erfolgte auf Initiative von Hermann Delius die Gründung der zweiten mechanischen Spinnerei in Bielefeld, der Ravensberger Spinnerei

Noch heute residieren in und um Bielefeld einige namhafte Unternehmen der Textilindustrie in Deutschland wie Gerry Weber, Seidensticker, Ahlers, Bugatti, Delius und JAB Anstoetz.

Weltweite Bedeutung erlangte die Bielefelder Textilindustrie, wenngleich indirekt, durch Max Weber und seine Forschungen zum Einfluss der Protestantischen Ethik auf den Kapitalismus. Darin diente u.a. sein Onkel Carl David Weber, Textilunternehmer in Bielefeld und Oerlinghausen, wie überhaupt die entstehende Textilindustrie im Bielefelder Raum als Vorlage. 

Weitere Informationen / Quellen:

Geschichte der Ravensberger Spinnerei 

Westfälische Textilunternehmer in der Industrialisierung

Die Geschichte der Industrialisierung in Bielefeld: Das Leinengewerbe

Das Leinengewerbe in Bielefeld vor der Industrialisierung

Textilland Westfalen

Die Tödden aus dem nördlichen Münsterland

Die stolzen Weber aus Bielefeld und Oerlinghausen


Donnerstag, 1. Mai 2014

Salz in Westfalen

Von Ralf Keuper

Die Salzproduktion ist die älteste Industrie Westfalens, wie man u.a. in dem informativen Beitrag Salzgewinnung in Westfalen nachlesen kann. 

Zentrum der Industrie war neben Soest das benachbarte Werl. Dort verfügten die Erbsälzer über das Recht der alleinigen Salzgewinnung. Dieses seltene Privileg hatte seinen Ursprung im Mittelalter. Noch heute existiert in Werl das Kollegium der Erbsälzer zu Werl und Neuwerk

Wichtig für die Gewinnung des Salzes sind Salinen, von denen in Westfalen noch heute eine Vielzahl existiert; allerdings dienen sie heute der Gesundheit und dem Tourismus, wie in Bad Sassendorf, wo demnächst auch die Dauerausstellung Westfälische Salzwelten entsteht, oder in Salzkotten. In Bad Salzuflen spricht man dagegen von Gradierwerken

Die Salzbergwerke finden als Energiespeicher bzw. als Kavernenspeicher, wie das Salzbergwerk Epe, eine neue, gleichwohl nicht unumstrittene Verwendung. Aktuell mehren sich die Zweifel, ob Salzbergwerke als Lagerstätten für Gas und Öl geeignet sind

Weitere Informationen: