Sonntag, 25. Januar 2015

Dienstag, 20. Januar 2015

Sonntag, 18. Januar 2015

Westfalen News - Ein Blick auf die vergangenen Wochen #2

Von Ralf Keuper

Hier in aller Kürze einige Beiträge, die m.E. aus der Flut an Meldungen, die sich mit Westfalen im weiteren Sinn beschäftigen, herausragen:

Wiederentdeckt: Der Staatsmann, Historiker und Literat Justus Möser

Von Ralf Keuper

Justus Möser, der heute weitgehend unbekannt ist, gehörte im 18. Jahrhundert zu den führenden, wie man heute sagt, Intellektuellen in Deutschland. Mit seinen Schriften zur Staatslehre, aber auch mit seinen Satiren und Essays, übte er einen großen Einfluss auf das Denken seiner Zeitgenossen aus, wie u.a. auf keinen Geringeren als Goethe. In seinem lesenswerten Beitrag Justus Mösers "Patriotische Phantasien" für Deutschland beschäftigt sich Detlef Jena mit der Bewunderung Goethes für Möser. 

Sein wohl bekanntestes Werk sind die Patriotischen Phantasien. Jena schreibt dazu:
Die vier Bände gehören ob ihrer Bildhaftigkeit und Präzision zu den Glanzstücken deutscher Prosa wie auch des Journalismus des 18. Jahrhunderts. Aus der sachkundigen Beschreibung konkreter Zustände entwickelt Möser sein Ideal von der Familie, der Gesellschaft und vom Staat. Er regte den Leser an, ein bewusster Bürger zu werden und sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Ihm schwebte kein revolutionärer Sturz des Absolutismus vor, sondern vielmehr die Reformierung in eine quasi "Aktiengesellschaft" freier Bürger, die ihre Standesinteressen überwinden und den eigenen Besitz zum Wohle der Allgemeinheit mehren. Hier schimmerte der liberale Grundsatz durch, wenn es dem Einzelnen gut geht, profitiert die Gesellschaft davon.
Vor einigen Monaten beschäftigte sich Martin Siemsen in Warum Goethe den Osnabrücker Justus Möser bewunderte mit derselben Frage wie Detlef Jena.

Größter Anhänger der Schriften Mösers war jedoch Johann Gottfried Herder. Abgesehen davon waren dem Denken Mösers noch der Freiherr vom und zum Stein und der Ökonom Friedrich List zugetan. 

Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila schrieb über Möser:
Angefangen bei Möser, Rivarol und Burke lässt sich sagen: Wenn ein Reaktionär ein Urteil spricht, wird der Urteilsspruch nur selten von der Geschichte nicht vollstreckt.

Wollen wir einen Reaktionär korrekt definieren, müssen wir uns an den ersten Reaktionär der modernen Geschichte erinnern, an Justus Möser. Er sprach sich nicht gegen Revolution aus, sondern gegen den Absolutismus. 
Edgar Salin schrieb in seiner Geschichte der Volkswirtschaftslehre:
Hinzu kommt, dass jeder Versuch einer Wirtschaftsgeschichte ein prachtvolles Vorbild an dem größten Geschichtsschreiber der Deutschen im 18. Jahrhundert, an Justus Möser, hatte, der, ein Romantiker vor der Romantik, ein Historiker vor dem Historismus, von Savigny als Begründer der geschichtlichen Rechtsschule anerkannt, auch als der wahre Ahn der geschichtlichen Wirtschaftsschule zu gelten hat.
Daneben erwähnt David S. Landes Möser in seinem Magnus Opum Wohlstand und Armut der Nationen als einen Moralisten

Während Goethe vom "herrlichen Möser" sprach, bezeichnete Karl Marx Möser als "blödsinnigen westfälischen Junker"
Wenig wohlwollend äußerte sich auch der Ideengeschichtler Isaiah Berlin, der in Möser einen typischen Vertreter einer aristokratisch-elitären Haltung sah, die allen Versuchen, die Gesellschaft im Namen allgemeingültiger moralischer oder geistiger Ideale umzubinden, Widerstand entgegen brachte. 

Der Schriftsteller Martin Mosebach nannte Möser einmal den ersten und wichtigsten Kritiker des absolutistischen Staates. 

Weitere Informationen:



Samstag, 10. Januar 2015

Historische Filmaufnahmen aus Soest

Von Ralf Keuper

Anbei zwei historische Filme über die alte Hansestadt und "Heimliche Hauptstadt Westfalens", Soest. 
Der erste Beitrag ist erst kürzlich vom Soester Filmklub zusammengestellt worden; der zweite "Soest - Westfalens ehrenreiche Hansastadt" ist deutlich älteren Datums. Er stammt von dem überregional bekannten Filmregisseur Victor Schamoni, dessen Söhne zu den Mitbegründern des Neuen Deutschen Films zählen. 



Samstag, 3. Januar 2015

"Westfälische Unterwelten. Historische Kriminalfälle und Hinrichtungen in Westfalen" von Udo Bürger

Von Ralf Keuper

Die Aufdeckung und Bekämpfung von Straftaten dürfte so alt wie die Menschheit sein. Insoweit ist die Kriminalgeschichte auch immer ein Stück Sozialgeschichte. Es wäre daher vermessen zu glauben, es habe in den verschiedenen Regionen Deutschlands diesbezüglich größere Abweichungen gegeben bzw. es gebe sie noch.

Diesen Nachweis bringt Udo Bürger in seinem Buch Westfälische Unterwelten. Historische Kriminalfälle und Hinrichtungen in Westfalen. Darin untersucht Bürger Kriminalfälle, die sich in Westfalen zwischen 1815 und 1918 ereignet haben. Zuvor hatte Bürger die Kriminalgeschichte seiner rheinischen Heimat in einem Buch beleuchtet. 

Erstaunlich und z.T. auch erschreckend empfand ich, dass noch bis weit in das 19. Jahrhundert bei Hinrichtungen wegen Kapitalverbrechen zum Tode verurteilter Straftäter von grausamen Methoden Gebrauch gemacht wurde, wie vom Rädern. Auch das Beil zählte lange Zeit zum bevorzugten Werkzeug der Scharfrichter. Viele Urteile wurden vom preußischen König in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Einige Male erfolgte auf Geheiß des Königs eine "humane" Art der Hinrichtung. Beklemmend wirken auch die Stellen im Buch, auf denen Bürger den Massenandrang beschreibt, von dem viele Hinrichtungen begleitet wurden. Hinrichtung als Spektakel. Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts fanden die Hinrichtungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. 

Die Zahl der Hinrichtungen fällt in Westfalen, im Vergleich etwa zum Rheinland, nicht aus dem Rahmen. Eher schon ist sie geringer, wenn auch nicht signifikant. Gleiches gilt für die verschiedenen Regionen Westfalens mit Ausnahme von Paderborn, wo es während des Untersuchungszeitraums nur zu einer Hinrichtung gekommen ist. Ob das auf die Dominanz der katholischen Kirche in und um Paderborn zurückgeführt werden kann, lässt sich nur schwer belegen. Dass aber auch im katholischen Hochstift Kapitalverbrechen vorkamen, belegt nicht zu letzt Die Judenbuche von Annette von Droste Hülshoff. 

Fast schon wohltuend ist es da zu erfahren, dass es auch minder schwere Straftaten wie Heiratsschwindel und Wettbetrug gab. 

Obgleich die Zahl der Straftaten in Westfalen, wie bereits erwähnt, unauffällig war, gab es doch einen statistischen Ausreißer. Und zwar berichtet Bürger, dass die Jugendkriminalität in Westfalen während des 1. Weltkrieges sprunghaft anstieg und weit über dem Durchschnitt anderer Regionen lag.

Update 16.05.2015:

Wie aus dem Buch Paderborner Gerichtswesen und Juristen im neunzehnten Jahrhundert, verfasst von Heinrich Rempe, hervorgeht, zählte der Oberlandesgerichtsbezirk Paderborn im 19. Jahrhundert für Jahrzehnte zu denen mit der höchsten Kriminalitätsrate in Preußen.

Wie lassen sich die Funde Bürgers aus heutiger Sicht bewerten? Was sagt die Geschichte dazu?

Mit einigem Recht lässt sich die Behauptung aufstellen, dass die moderne Kriminalitätsforschung ihren Ursprung in Westfalen während der Zeit der Hexenverfolgung hatte. Um dem blinden Morden unschuldiger, der Hexerei angeklagter Frauen Einhalt zu gebieten, verfasste der zu diesem Zeitpunkt in Paderborn lehrende Jesuit Friedrich von Spee seine legendäre Cautio Criminalis. Heinz Dieter Kittsteiner bezeichnet die Cautio Criminalis in seinem Buch Die Stabilisierungsmoderne als Bruch mit der Vergangenheit, indem purer Aberglaube schrittweise durch wissenschaftliche Methoden und Argumentationstechniken ersetzt wurde. Bereits während der Inquisition wurde die Beweisaufnahme in die Rechtsprechung aufgenommen - im Inquisitionsverfahren

Aktuell scheint sich die Kriminalität in Westfalen - statistisch gesehen - etwas auffällig zu verhalten. So berichtet das Landeskriminalamt von einem leichten Rückgang von Wohnungseinbrüchen in NRW. Allerdings geht dieser positive Trend an Westfalen vorbei. Anders als im Rheinland steigt hier die Zahl der Delikte, wie in Münster. Allerdings liegt die Zahl der Wohnungseinbrüche in Westfalen insgesamt deutlich niedriger als im Rheinland, wie aus dem Bericht Kriminalitätsentwicklung In NRW 2013 auf Seite 52 hervorgeht. 

Auf der anderen Seite zählt Bielefeld seit Jahren zu den sichersten Großstädten Deutschlands.  Im Jahr 2006 war Bielefeld beispielsweise die sicherste Großstadt Deutschlands. 2013 war Bielefeld die sicherste Großstadt in NRW und damit nach München auf Platz zwei in Deutschland. Als besonders sicher im sicheren Ostwestfalen gilt der Kreis Höxter

Erstaunlich dagegen die vergleichsweise hohe Kriminalitätsraten in Münster, was man so nicht vermuten würde. Vor allem die bereits erwähnten Wohnungseinbrüche machen der Polizei und den Einwohnern der Stadt zu schaffen. Weniger Sorgen müssen sich dagegen die Einwohner der Landkreise des Münsterlandes machen, am wenigsten im Kreis Warendorf, der 2013 der sicherste Landkreis der Region war. 

Der südwestfälische Kreis Soest zählt ebenfalls zu den sicheren in NRW. Im Ruhrgebiet dagegen nimmt die Zahl der Straftaten zu. Spitzenreiter ist hier u.a. Dortmund. 

Während die Zahl der Einbrüche in NRW steigt, bzw. leicht zurückgeht, geht die Jugendkriminalität spürbar zurück

Dieser Befund gilt auch für Deutschland insgesamt. Um so überraschender bzw. erschreckender daher, dass eine Ende vergangenen Jahres bekannt gewordene Studie zeigt, dass ein Drittel der Jurastudenten in Deutschland die Einführung der Todesstrafe befürwortet. 

Es ist zu wünschen, dass ein Buch, wie das von Udo Bürger, mit dazu beiträgt, hier einen Sinneswandel zu befördern. Kürzlich gab Udo Bürger der Neuen Westfälischen ein Interview, in dem er sich näher zu seinem Buches äußert. Von der "guten alten Zeit", so Bürger, könne keine Rede sein. Weder in Westfalen noch anderswo. 

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