Samstag, 27. Februar 2016

Das grausame Ende der Wiedertäufer vor 480 Jahren

Von Ralf Keuper

Am 22. Januar 1536 endete ein düsteres Kapitel in der Stadtgeschichte Münsters. An diesem Tag nämlich wurden Jan van Leiden und zwei weitere führende Köpfe der Wiedertäufer-Bewegung öffentlich hingerichtet. 
Otto Ehrenfried Selle zeichnet die letzten Stunden der zum Tode Verurteilten in seinem Beitrag Mit glühenden Zangen zu Tode gemartert, erschienen in den Heimatblättern für Münster und das Münsterland im Februar 2016, nach: 
Die Vollstreckung des Todesurteils war für Samstag, den 22. Januar 1536 festgesetzt. Gegen 8 Uhr wurden die Stadttore geschlossen; einige Hundert Schaulustige aus dem Umland, welche die Hinrichtung mit ansehen wollten, mussten enttäuscht vor den Toren bleiben. .. Die Tribüne wurde zur Sicherung von etwa 200 Landsknechten umstanden. Um diese hatte sich eine große Menge von Zuschauern versammelt. ... Die Hinrichtung der drei dauerte etwa vier Stunden. Danach wurden ihre Leichen von Bauern zu den drei bereit stehenden Eisenkörben geschleift und in diesen in aufrechter Haltung festgebunden. Zurschaustellung der Leichen von Hingerichteten war damals allgemein üblich. Schließlich wurden die Körbe am Turm der Lambertikirche hochgezogen, "nicht bloß darum, dass ein fortdauerndes Andenken hieran sein sollte, sondern auch, dass sie allen unruhigen Geistern zur Warnung und Schrecken dienten, dass sie nicht etwa ähnliches in Zukunft versuchten und wagten" wie der Bericht von Corvinus endet. Die Körbe wurden 1898 an den neuen Turm übernommen und hängen dort bis heute. 
Weitere Informationen:

Das Täuferreich von Münster

Mittwoch, 24. Februar 2016

Cybersecurity "Made in Westfalen" #2

Von Ralf Keuper

Vor einiger Zeit hatte ich mich auf diesem Blog in Cybersecurity "Made in Westfalen" etwas intensiver mit den verschiedenen Unternehmen und Forschungsinstitutionen in Westfalen aus dem Umfeld der Cybersecurity beschäftigt. Zwischenzeitlich liegt eine Diplomarbeit vor, die sich dem Netzwerk der Bochumer IT-Sicherheitbranche widmet. Das Dokument, das die wesentlichen Ergebnisse zusammenfasst, ist im Netz frei zugänglich. Darin wird u.a. festgestellt:
Die Rhein-Ruhr-Region und besonders die Stadt Bochum haben erhebliche Stärken im IT-Sicherheitsbereich, die allerdings bisher nur unzureichend vermarktet werden. Das Potenzial von Alleinstellungsmerkmalen wie dem Zentrum für IT-Sicherheit wird nicht vollständig ausgeschöpft. Insgesamt basiert das Standortmarketing im Themenfeld IT-Sicherheit bisher hauptsächlich auf einem durch Bochum2015 entwickelten Flyer, der erst 2008 fertiggestellt wurde. Ein einheitlicher Internetauftritt aller Clusterakteure könnte nicht nur die Wahrnehmung der regionalen Stärken erhöhen und potenziellen Kunden und Investoren als Anlaufstelle dienen, sondern auch für den internen Informationsaustausch und die weitere Vernetzung genutzt werden. Gerade aufgrund des Know-how der Unternehmen im IT-Bereich ließe sich ein professioneller Internetauftritt sicherlich schnell und kostengünstig implementieren.
Erst gestern machte der Beitrag Chancen durch Digitalisierung für Revier-Unternehmen auf das Potenzial der Region im Bereich Softwareentwicklung und Wirtschaft 4.0 aufmerksam. Um die Chancen nutzen zu können, ist jedoch ein Mindestmaß an Kooperation und Koordination nötig, welche wahrlich nicht zu den Stärken des Ruhrgebiets gehören und mit dazu beitragen, dass die Region beim Strukturwandel nur mäßig voran kommt. 

tieren. Darübe

Dienstag, 23. Februar 2016

Geheimnis Dortmunder U (Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Eine ausgesprochen sehenswerte Dokumentation über das Wahrzeichen der Stadt Dortmund und Symbol des neuen Ruhrgebiets. 

Muss Ja! Typisch Ostwestfalen

Von Ralf Keuper

Ein Filmprojekt von 20 Studenten der Universität Bielefeld über die ostwestfälische Mentalität, Küche und verschiedene Klischees mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.

Montag, 22. Februar 2016

Justus Möser als Westfale, Staatsmann und Literat

Von Ralf Keuper

In seiner Schrift Justus Möser als Westfale und Staatsmann setzte sich Hans-Ulrich Scupin mit dem vielfältigen Schaffen des berühmten Osnabrückers auseinander. Daraus einige Passagen: 
Die Weltoffenheit Justus Mösers offenbart sich darin, daß er sich in die Art anderer zu versetzen wußte, ja den Kontakt mit ihm vielfach innerlich Fernstehenden um der Wissensbereicherung und der Sache willen gepflegt hat. Anders wäre es ihm nicht möglich gewesen, mit den hannoverschen Räten zu arbeiten und sogar ihre Anerkennung zu erwerben. Hieraus hat sich noch im vorgerückten Alter Mösers die bedeutsame Beziehung zu August Wilhelm Rehberg ergeben, der 1783 in Osnabrück fünf Monate lang tätig war. Durch den Briefwechsel dieses geistvollen und aufgeschlossenen Mannes mit keinem Geringeren als dem Freiherrn vom Stein ist die außerordentliche Wirkung der Person und der Anschauungen Mösers belegt. Über Rehberg gibt es besondere Verbindungen zwischen Möser und Stein, die allerdings keineswegs die einzigen sind, worüber sogleich noch zu handeln sein wird.

Der Briefwechsel Mösers mit dem Verehrer Preußens Thomas Abbt gehört ebenfalls zu den lebendigsten Beweisen der geistigen Großzügigkeit des so stark landschaftlich und weltanschaulich gefestigten Mannes. ...  
Aus alledem geht ein tiefes Verständnis für die engere Heimat und ihre Zustände als ein wesentlicher Teil der Persönlichkeit und des Wirkens Justus Mösers deutlich hervor. Seine Wirkung hat zu seiner Zeit besonders den Westfalen in den benachbarten Territorien und den Nordwestdeutschen mit ähnlichen und nahverwandten Lebensformen erfaßt. Durch seine natürliche, vielseitige und doch disziplinierte Begabung zu künstlerisch eindrucksvoller Darstellung hat er bereits mit der unmittelbaren Schilderung des besonderen Lebenszustandes seiner Heimat über diese hinaus gewirkt. Goethe und Herder sind die bedeutendsten Künder desselben geworden. Möser war für seine Zeitgenossen auch gerade ein westfälischer Schriftsteller. Daß er zugleich ein Staatsmann war, ist damals wenigen außerhalb seiner engsten Umgebung aufgegangen. Hinsichtlich seiner unmittelbaren praktischen Wirkung ist sein Bild als Staatsmann begrenzt durch den relativ kleinen Raum, in welchem er handelte; dennoch zeigt sich auch darin eine feine und zugleich kräftige Durchbildung und eine volle Abrundung der Person Mösers.
In erster Linie mit dem Literaten Justus Möser beschäftigte sich dagegen Hermann Bausinger in Justus Möser. Bausinger schließt mit der Bemerkung:
Zwischen dem literarischen Spiel, bei dem der Autor vergnüglich plaudernd die Zügel schießen läßt, und dem pädagogischen Ernst, der sich in hart-präzisen, schnörkellosen, keinen Ausweg erlaubenden Mahnungen ausdrückt, liegt eine große Spannweite. Sie bildet einen Grund für den literarischen Reiz, den gerade auch Mosers journalistisches Werk noch heute ausübt. Der andere dürfte darin liegen, daß dieses Werk in seiner Perspektivenvielfalt die widersprüchlichen Tendenzen einer ganzen Epoche spiegelt, die sich den Klassifikationsbemühungen literaturgeschichtlicher Sezierer immer wieder versperrt.

Samstag, 20. Februar 2016

Neues aus der westfälischen Startup-Szene #4

Von Ralf Keuper

Es hat sich in den letzten Wochen wiederum einiges getan in der westfälischen Startup-Szene. 

Die Startup-Szene im Ruhrgebiet taucht derzeit auffallend oft in der Berichterstattung auf, wie in:
Die Bertelsmann Stiftung will mit der Gründung der Founders Foundation den Aufbau eines dynamischen Startup-Ökosystems in Ostwestfalen-Lippe fördern. 

Westfalen News #25

Von Ralf Keuper

Erneut eine Aufstellung einiger Beiträge aus und über Westfalen, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind:

Freitag, 12. Februar 2016

Marke Westfalen?

Von Ralf Keuper

Lässt sich die Identifikation innerhalb einer Region mit dem Instrumentarium des Marketing verstärken oder überhaupt herbei führen? Kann die Anziehungskraft einer Region auf Außenstehende durch gezielte Werbemaßnahmen und Kommunikationsstrategien erhöht werden? Kurzum: Ergibt es Sinn, Westfalen als Marke zu positionieren?

Die Westfalen-Initiative scheint jedenfalls dieser Ansicht zu sein. Bereits vor einigen Jahren gab sie die Schrift Marke Westfalen heraus. Darin kamen die Autoren Heribert Meffert und Christian Ebert zu einem eher durchwachsenen Ergebnis. Zum Vorgehen heisst es u.a. in dem Kapitel Tragfähigkeit des Begriffs „Westfalen“ als Identifikationsgrundlage:
Die Tragfähigkeit des Begriffes „Westfalen“ zur Profilierung der Region im Wettbewerbsumfeld erfordert eine hohe Verbundenheit der Bewohner mit ihrer Region. Zur Überprüfung dieses Identifikationsankers wurden den Westfalen verschiedene räumliche Bezugsebenen zur Beurteilung als Identifikationsbasis vorgelegt. Die diesbezügliche Auswertung erfolgte dabei zunächst über alle Befragten der Region Westfalen sowie zusätzlich differenziert nach soziodemografischen Kriterien.
Schon kurz darauf gelangen die Autoren zu der Feststellung: 
Es kann festgehalten werden, dass auf Basis der obigen Ergebnisse die Region Westfalen einen relativ schwachen Identifikationsanker für seine Bewohner bildet. Da eine gemeinsame regionale Identität als Grundlage für die Markenprofilierung angesehen werden kann, sind insbesondere die Differenzen in Bezug auf die untergeordnete Subregion bzw. das übergeordnete Bundesland als kritisch zu beurteilen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Westfalen als Marke eine wenig tragfähige Basis für ein Regionenmarketing ist.
Dieser Befund bleibt auf den folgenden Seiten in seinem Kern bestehen. Er gilt wohl noch immer. 
Heute nun berichtet die Tageszeitung die Glocke in Westfalen will eigene Marke werden von einem neuerlichen Versuch der Westfalen-Initiative. In dem Beitrag wird der Vorsitzende des Vereins, Peter Paziorek, zitiert, der angesichts der Tatsache, dass die westfälischen Teilregionen bereits eifrig in eigener Sache Regionalmarketing betreiben, die Chancen für die Etablierung einer Dachmarke Westfalen nicht allzu hoch einschätzt. Als Beispiel erwähnt er It's OWL. 
Schon die Droste hob in ihren Bildern aus Westfalen die Besonderheiten der Region hervor, die einer Identifikation mittels Dachmarke Grenzen setzt: 
Wenn wir von Westfalen reden, so begreifen wir darunter einen großen, sehr verschiedenen Landstrich, verschieden nicht nur den weit auseinanderliegenden Stammwurzeln seiner Bevölkerung nach, sondern auch in allem, was die Physiognomie des Landes bildet oder wesentlich darauf zurückwirkt, in Klima, Naturform, Erwerbsquellen und, als Folge dessen, in Kultur, Sitten Charakter und selbst Körperbildung seiner Bewohner: daher möchten wohl wenige Teile unseres Deutschlands einer so vielseitigen Beleuchtung bedürfen.
Der überzeugendste Versuch, Westfalen als Ganzes zu fassen, stammt m.E. noch immer von Wilhelm Müller-Wille; und zwar aus seinem Buch Westfalen. Landschaftliche Ordnung und Bindung eines Landes.
Das Land Westfalen als anthropogeografischer Raum ist somit nur als ein bestimmtes Geflecht von Kulturlandschaften zu verstehen. Dieses ist natürlich nicht für alle Zeiten festgelegt; es ist - wie alles Menschliche - historisch wandelbar. Inhalt, Form, Beziehung und Umfang eines Landes müssen daher jeweils neu bestimmt und gedeutet werden; dabei sind vor allem jene kulturlandschaftlichen Elemente ausfindig zu machen, die die einzelnen Landschaften verknüpfen und das jeweilige Beziehungsgeflecht tragen. Schließlich gewinnt man durch das Studium der Kulturlandschaft eine konkretere Vorstellung vom Menschen selbst. .. Dem Einzelnen oft unbewusst, prägt sie den Bewohner und macht ihn zum >Kind seiner Heimat<. Wer also den Menschen in Westfalen verstehen will, muss seine Kulturlandschaften kennen: nur von ihnen und mit ihnen sind die Bewohner in ihrer Eigenart zu begreifen.
Wer die verbindenden Elemente, aus denen sich so etwas wie eine Marke Westfalen bilden lässt, finden will, sollte m.E. hier beginnen und dann versuchen zu klären, welche Faktoren in der Digitalmoderne neu hinzu kommen müssen. Wie steht es mit der Darstellung Westfalens im Netz? Wie bringt man die verschiedenen Teilregionen dazu, sich unter einer Dachmarke Westfalen zu vernetzen und die Botschaft gemeinsam kohärent zu kommunizieren? 

Weitere Informationen:

Suche nach der Dachmarke Westfalen

Marke Westfalen: Westfalen ist nicht mehr wichtig

Donnerstag, 11. Februar 2016

Die letzten Europas - Wildpferde im Münsterland (Filmdokumentation)

Von Ralf Keuper

Die Wildpferde in Dülmen sind eine Attraktion - weit über Westfalens Grenzen hinaus. Bekannt ist auch der Wildpferdefang. Der Film beschäftigt sich darüber hinaus mit Flora und Fauna des Münsterlandes, was ihn noch sehenswerter und informativer macht. Dazu noch herrliche, stimmungsvolle (Landschafts-)Aufnahmen. 



Salongespräch: "Die Beatmusik in Ostwestfalen"

Von Ralf Keuper

Im November vergangenen Jahres fand im Museum Huelsmann in Bielefeld ein Salongespräch unter dem Motto Die Beatmusik in Ostwestfalen statt. Dazu gibt es einen Video-Mitschnitt in mehreren Teilen. 

Samstag, 6. Februar 2016

Hat die "Havanna" westfälische Wurzeln?

Von Ralf Keuper

Über die wahre Entstehungsgeschichte der Zigarrenfabrik H. Upmann in Havanna gehen die Meinungen bis heute auseinander. So heisst es auf Wikipedia:
Über ihre Anfänge gibt es mindestens zwei unterschiedliche Versionen. Die erste Version besagt, dass die beiden deutschen Brüder August und Hermann Upmann die Firma in diesem Jahr (1844) gründeten. Es herrscht allerdings Uneinigkeit darüber, ob das "H" als Abkürzung für Hermann oder für Hermanos (im Spanischen für "Brüder") steht. Eine weitere Version lautet, dass der Nachname der Brüder Hupmann lautete, das "H" jedoch aus ästhetischen Gründen entfernt wurde, da "H. Upmann" besser als "H. Hupmann" aussieht. Beides ist möglich, da beide Nachnamen existieren. 

In einer Version der Geschichte sind die Brüder Textilfabrikanten, die ihren Familienbetrieb nach Havanna verlagerten. In einer anderen Version werden sie als Bankiers dargestellt, die in dort eine Niederlassung einer Bank gründeten. Wahrscheinlich wurden die Zigarren zunächst als Werbegeschenk für die Kunden der Firma benutzt. Zu dieser Zeit wurden noch Zigarren anderer Fabriken in Kisten mit dem H. Upmann Emblem enthalten. Dies änderte sich erst mit der Gründung ihrer eigenen Fabrik. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Marke zu einer der beliebtesten Zigarren aus Kuba. Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Firma auf Weltausstellungen mehrere Goldmedaillen für ihre Produkte.
In Das Erbe der Gebrüder Upmann werden die Gründer als Nachfahren eines Bremer Bankhauses beschrieben. In einem Beitrag über das Crüwellhaus in Bielefeld erfahren wir dagegen:
In unmittelbarer Nähe des Crüwellhauses, Am Markt 13, befand sich das Zigarrengeschäft Upmann. Hier verkauften die Schwestern Upmann bis ca. 1875 Havanna-Import-Zigarren, die ihre über Bremen (Hermann Upmann & Co) nach Havanna ausgewanderten Brüder dort fabrizieren ließen.
Hermann und August Upmann hatten auf Kuba 1844 mit dem Verkauf und kurze Zeit später mit der Produktion von Zigarren begonnen. Sie erwirtschafteten ein Vermögen in Havanna. Die Zigarrenmarke H.Upmann gibt es bis heute, die Fabrik auf Kuba wurde 2003 geschlossen. In Bielefeld zeugte der Upmannstift am Johannisberg vom Reichtum der Upmanns; Hermann Upmann hatte ihn erbaut und der Stadt geschenkt. Ältere, unvermögende Bielefelderinnen konnten dort ihren Lebensabend beschließen.
Insofern spricht einiges dafür, dass die "Havanna" westfälische Wurzeln hat.  

Donnerstag, 4. Februar 2016

Wie modern war Westfalens Wirtschaft im Jahr 1800? Der regionale Pfad der Industrialisierung

Von Ralf Keuper

Gegenstand des Vortrags Wie modern war Westfalens Wirtschaft im Jahr 1800? Der regionale Pfad der Industrialisierung, den Wilfried Reininghaus auf Einladung der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte gestern, am 03.02.2016, in Dortmund gehalten hat, waren, wie der Titel schon aussagt, der Stand der Industrialisierung in Westfalen um 1800 sowie die weitere Entwicklung bis zum Jahr 1850.

Um den Zuhörern ein möglichst realitätsnahes Bild der wirtschaftlichen Situation jener Zeit zu vermitteln, wählte Reininghaus einen fiktiven Dialog, der sich in der Sylvesterfeier 1799 in Iserlohn abspielte. Bei den Gesprächspartnern handelt es sich um die drei Iserlohner Kaufleute
Um das Jahr 1800 war Iserlohn die mit Abstand wichtigste Handels- und Industriestadt Westfalens, weshalb es Sinn ergibt, die Wirtschaftsgeschichte der Stadt als Ausgangspunkt für die Untersuchung zu wählen. Der Beginn des neuen Jahrhunderts eröffnete tatkräftigen Kaufleuten, wie Müllensiefen, Schmidt und von Scheibler, zahlreiche Gelegenheiten, wie sie Jahrzehnte zuvor noch undenkbar waren. Neben technologischen Neuerungen waren es institutionelle Faktoren, die mit dazu beitrugen, die Wirtschaft in die Phase der Industrialisierung eintreten zu lassen, wie z.B. der Friede von Basel. Auf technologischen Gebiet war die Inbetriebnahme der ersten Dampfmaschine in Westfalen im Jahr 1799 auf der Saline Königsborn bei Unna ein wichtiges Ereignis der westfälischen Wirtschaftsgeschichte. 

Dennoch dauerte es noch einige Jahrzehnte, bis die Industrialisierung in Westfalen zum endgültigen Durchbruch gelangte. Als Erklärung dafür bietet sich der Rückgriff auf das Konzept der Pfadabhängigkeit an, das von hemmenden und fördernden Faktoren beim Übergang einer Wirtschaftsstruktur in eine andere spricht. So lässt sich beobachten, dass viele Betriebe im märkischen Sauerland mit den althergebrachten Verfahren produzierten, d.h. die Dampfmaschine kam nur in bestimmten Betrieben, z.B. im Bergbau, zum Einsatz. Auch die Eisenbahn sollte erst mit der Köln-Mindener und der Bergisch-Märkischen Eisenbahn der Entwicklung neuen Schwung verleihen. Die preußische Regierung, und hier vor allem in Person des Freiherrn vom Stein und Ludwig von Vinckes, sorgte mit dem Bau von Chausseen und Kanälen für eine Infrastruktur, die an die Notwendigkeiten einer modernen Wirtschaft angepasst war. Nicht selten werden für die z.T. abwartende Haltung der Kaufleute und Fabrikanten im märkischen Sauerland mentale Faktoren, wie Risikoscheu und eine konservative Grundhaltung, verantwortlich gemacht. Die Kaufleute und Fabrikanten von Iserlohn unterhielten auch mit dem Ausland intensive Geschäftsbeziehungen, wie mit Frankreich, den Niederlanden und England. Westfalen war lange Zeit so etwas wie das natürliche Hinterland der Niederlande, über deren Handels- und Finanzzentren die Transaktionen (logistisch) abgewickelt wurden. Nach Übersee zog es die märkischen Kaufleute bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dagegen kaum.
Ein Unternehmer, der technologischen Neuerungen ausgesprochen offen gegenüber stand, war Friedrich Harkort. Er war jedoch seiner Zeit zu weit voraus, um als Unternehmer dauerhaft Erfolg haben zu können. Daneben war Harkort eine treibende Kraft bei der Einführung der Eisenbahn in Westfalen wie der Köln-Mindener Bahn und der Bergisch-Märkischen Eisenbahn. Von Harkort stammt auch die Schrift Die Eisenbahn von Minden nach Cöln. Dabei handelt es sich um die erste Schrift dieser Art in Deutschland. Geschäftlich erfolgreicher war dagegen die Familie von Romberg, worüber Reininghaus in Das wirtschaftliche Handeln der Familie von Romberg im 17. bis 20. Jahrhundert berichtet. 

Reininghaus vertritt den Standpunkt, dass das märkische Sauerland mit seinem Schwerpunkt Iserlohn das Gravitationszentrum der westfälischen Wirtschaft um das Jahr 1800 und auch noch Jahre danach war. Gemessen an der Zahl der Handelshäuser und Fabriken lag Iserlohn damals weit vor Münster, Bielefeld und Dortmund. 

Diese These jedoch stieß bei der anschließenden Diskussion im Publikum auf Kritik. So äußerte Karl-Peter Ellerbrock Zweifel,  ob es bei der Verschiedenartigkeit der westfälischen Regionen, was die Wirtschaftsstruktur anbelangt, überhaupt von einem Gravitationszentrum gesprochen werden kann. Dieser Befund gelte eigentlich noch heute. Ebenso sei fraglich, ob die Agrarrevolution, die für die Industrierevolution in Westfalen wirklich von so großer Bedeutung war, wie Reininghaus meint. 
Die Kritik scheint mir berechtigt, und zwar insofern, als dass im Raum Bielefeld bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Leinenwirtschaft schon weit fortgeschritten war und der Export bereits eine wichtige Rolle spielte. Zudem wurde eine der ersten Aktiengesellschaften Westfalens im Jahr 1768 in Bielefeld gegründet. (Vgl. dazu: Die Geschichte der Bielefelder Leinenindustrie). Reininghaus liegt m.E. insofern richtig, als dass die Region um Iserlohn, Hagen und Dortmund Arbeitskräfte aus den umliegenden Regionen in einem Umfang angezogen hat, wie das in den anderen westfälischen Gebieten für diese Zeit nicht belegt ist. 

Was können wir für wir daraus für die heutige Zeit lernen? Wo steht die westfälische Wirtschaft heute? Die Großindustrie hat sich weitestgehend aus Westfalen, genauer: dem Ruhrgebiet entfernt, stattdessen dominieren in Westfalen mittelständische, familiengeführte Unternehmen, die schon mal mehre Milliarden Umsatz im Jahr machen können. Die Regionen Ostwestfalen-Lippe und Südwestfalen zählen zu den Regionen in Deutschland mit der höchsten Anzahl von Weltmarktführern und sog. Hidden Champions. Das Münsterland glänzt mit der geringsten Arbeitslosenquote in NRW. Daneben ist auch hier der Mittelstand für die Wirtschaftsstrutkur prägend.  

Was die Infrastruktur betrifft, ist Westfalen an sich gut aufgestellt: Genannt seien die zahlreichen Universitäten, die Flughäfen Münster, Dortmund und Paderborn sowie - mit Ausnahme des Siegerlandes - die Anbindung an die Autobahnen (die A33 wird hoffentlich vollendet). Dortmund und Hamm haben sich zu den führenden Logistikstandorten in Nordrhein-Westfalen entwickelt. Weniger positiv fällt der Befund in Sachen Breitbandausbau aus. Wenn die Handelsrouten sich heute ins Internet verlagert haben, wäre es eigentlich interessant zu wissen, wie es um die Internetgeografie Westfalens eigentlich bestellt ist. Derzeit befindet sich nur ein Internetknoten Deutschlands in Westfalen, und zwar NDIX in Münster. 
Weiterhin wäre eine Bestandsaufnahme des Startup-Ökosystems Westfalens nicht ganz uninteressant, da es sich allem Anschein nach um einen neuen Modus des Wirtschaftens handelt. Inwieweit kann die Zeit der westfälischen Wirtschaft um 1800 hierbei Wegweiser sein? Welches sind heute die hemmenden und fördernden Faktoren beim Übergang der westfälischen Wirtschaft in die Digitalmoderne (Industrie 4.0, Internet of Things)?